Erfahrung? Nicht so wichtig. Authentizität? Entscheidend. Würde ich diese Bedingungen erfüllen, sollte ich mich am vergangenen Donnerstag bei einer Agenten am Union Square in New York melden, schrieb mir ein Arbeitskollege. „Die suchen eine deutsche Voice Over Stimme“, betonte er – und ergänzte: „Falls du ausgewählt wirst, gibt es ein nettes Taschengeld“. Und da ich nun wirklich gar keine Erfahrung als Voice Over Stimme habe, aber bestimmt absolut authentisch bin, rief ich anderntags an.

Angesichts meines Vollzeitjobs, in dem Pausen nicht sehr flexibel genommen werden können, war das gar nicht so einfach, überhaupt zum Casting zu gehen. Versuche, den Zeitplan zu ändern, sind praktisch erfolglos. Klar: Niemand richtet sich dabei nach mir. Also verschob ich eben meine Mittagspause, verdrückte im Gehen ein Bagel mit Cream Cheese und eilte zum Union Square.

Zum Glück dauern Castings nicht sehr lange. Und zum Glück gibt es nicht sehr viele deutsche Voice Over Stimmen in New York – ich musste also nicht sehr lange warten. Zuvor bekam ich einen Text vorgelegt, den ein bekanntes amerikanisches Unternehmen bereits in einer englischen Fassung benutzt. Für die deutsche Version brauchte man nun einen Sprecher.

Mein erster Versuch, den Text einzusprechen, ging völlig in die Hose. „Lies den Text bitte noch einmal – aber viiiiieeeeel langsamer“, sagte die zuständige Dame. Die zweite Fassung klang bereits besser. „Aber versuch mal, deine Stimme in der Mitte zu ändern. Der erste Teil ist nachdenklich, der zweite optimistisch.“ Das gelang mir offenbar recht gut: Ich sah jedenfalls die entsprechenden Reaktionen der anwesenden Zuhörer auf der anderen Seite des Studios.

Mein Arbeitskollege war ganz angetan: Er nimmt regelmäßig an Castings teil und trifft dort für gewöhnlich auf 20 oder mehr Mitbewerber. Ich hatte drei Konkurrenten. Dass ich den Text dreimal einsprechen sollte, wertete er als positives Zeichen. „Das heißt, dass sie in deiner Stimme Potenzial sehen.“

Mehr noch: Abends kam die E-Mail, dass ich auf „1st Refusal – HOLD“ gesetzt worden sei. Und ob ich den kommenden Dienstag reservieren könne. Was das bedeutet, musste ich erst einmal im Internet nachgucken: Grundsätzlich bedeutet „1st Refusal“, dass eine Agentur Interesse bekundet hat und unverbindlich einen Termin reservieren möchte. Entweder ist dies der Fall, weil noch keine eindeutige Entscheidung gefallen ist oder weil man der erste Nachrücker für den Hauptkandidaten ist.

Dienstag müsse ich arbeiten, könne aber mit einem Kollegen tauschen, schrieb ich zurück. „Tausch noch nicht“, so die Antwort – ich sei noch nicht gebucht. Erst am Montag wisse man mehr. Am Montag kam dann nichts mehr; offenbar hatte man sich gegen mich entschieden. Mich hat das nicht umgehauen: Ich war schon stolz, überhaupt in Erwägung gezogen zu werden.

Ich habe nun einfach mal bei Craigslist nachgeguckt – tatsächlich gibt es immer wieder Gigs für deutsche Voice Over Stimmen in New York. Sollte ich das ernsthaft in Erwägung zu ziehen?

Symbolbild: © Kahnt / Pixelio.de

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