Was mir in den USA in den vergangenen zweieinhalb Jahren aufgefallen ist: Die Extreme, wenn es um Wetter geht. Einerseits habe ich hier in New York Wetterkatastrophen erlebt, wie ich sie aus Deutschland nicht kannte. Andererseits verbreiten die Medien auch gleich eine Untergangsstimmung, wenn der nächste Sturm anrückt. Zu sehen war das vorige Woche, als Wintersturm „Nemo“ noch einmal Schnee brachte.

Schon bevor ich in die USA zog, war ich mehrfach von Stürmen betroffen. Einmal, als ich für eine Woche mit Micheles Familie Urlaub in Virginia Beach machen wollte, musste ich zwangsweise eine Nacht in einem schäbigen Motel in Atlanta verbringen, weil das Flugzeug in New York nicht abheben konnte und sich somit auch mein Abflug aus Berlin verzögerte.

Ein anderes Mal – kurz vor Weihnachten 2009 – hatte ich das Glück, gerade noch rechtzeitig in Newark anzukommen, bevor ein Wintersturm gut 30 Zentimeter Schnee brachte. Continental, die morgens von Berlin in die USA flogen, hatten ihren Flug nicht abgesagt; Delta, deren Maschine einige Stunden später starten sollte, hingegen schon. Ich hätte ansonsten Micheles Geburtstag verpasst, und ob ich überhaupt noch einen Ersatzflug für einen anderen Tag vor Weihnachten bekommen hätte, wäre ebenfalls fraglich gewesen.

Weihnachten 2010 – ausgerechnet am Tag vor meinem für die Einwanderung in die USA zwingenden Arzttermin – erlebte ich dann meinen ersten „richtigen“ Wintersturm. NJ Transit setzte den kompletten Öffentlichen Personennahverkehr aus, und wir waren gezwungen, 2 Kilometer zur Arztpraxis in Edgewater durch beinahe knietiefen Schnee zu laufen. Netterweise fuhr uns der Arzt anschließend zurück zu unserem Apartment-Komplex.

Im August 2011 folgte Hurrikan „Irene“ – mein erster Tropensturm, und das ein paar Tage nach meinem ersten Erdbeben in New York. Die Stimmung war damals ziemlich nervös – am Freitag vor dem Eintreffen von „Irene“ stellten wir uns in die lange Schlange am Supermarkt, um Wasser und Lebensmittel zu kaufen (zuhause stellten wir fest, dass der kleine Deli in unserem Komplex genügend Lebensmittel hatte und recht leer war). Meine Arbeitsstelle schloss für mehrere Tage, die Subway stellte den Verkehr ein, und der Bronx Half Marathon, an dem ich teilnehmen wollte, wurde abgesagt.

Samstags wurde ich klatschnass, als ich noch schnell einen 6 Kilometer Lauf absolvierte, bevor wir die nächsten 24 bis 36 Stunden eingeschlossen in unserer Wohnung verbringen würden. Meine Schwestern riefen an und fragten, ob alles in Ordnung sei. Dann kam „Irene“ und war nur halb so schlimm. Hier oben im 33. Stockwerk war der Wind heftig, und wir gingen etwas nervös ins Bett – aber nichts passierte, und am nächsten Mittag waren wir schon wieder draußen, um die wenigen Schäden zu besichtigen.

Dass „Irene“ so unspektakulär war, führte wohl auch dazu, dass niemand so richtig „Sandy“ erst nahm.

Wegen „Irene“ erwarteten wir, dass „Sandy“ Ende Oktober 2012 ähnlich laufen würde. Wir kauften weniger Lebensmittel ein und weniger Wasser, füllten aber zur Sicherheit die Badewanne mit Wasser. Die New York Subway stellte auch diesmal den Verkehr ein, und wir erwarteten, einen Spielfilm-Marathon hinzulegen.

Aber irgendwann an diesem Samstag war klar, dass „Irene“ schlimmer sein würde. Uns dämmerte das, als wir bei Flut zum Hudson River spazierten und das Wasser schon vor dem Hurrikan beinahe an den Boardwalk reichte. „Irene“ sollte bei der nächsten Flut auf New York treffen. Und so kam es dann auch: Wir konnten von hier oben die Überflutungen in unserer Nachbarschaft sehen, wir wurden Zeugen, als das nahe Krankenhaus evakuiert wurde. Im nahen Hoboken, auf Staten Island, in Brooklyn und Rockaway Beach war natürlich alles noch viel schlimmer. Bei uns fiel „nur“ für eine Woche der Strom aus, so dass wir eine kalte Woche erlebten und Lebensmittel für einige hundert Dollar wegwerfen mussten (beim nächsten Mal kaufen wir Konserven und keine verderbliche Ware…). Und natürlich fiel meine Premiere beim New York Marathon ins Wasser…

Seitdem scheinen die Medien jeden einzelnen Sturm zum Anlass für Panikmache zu nehmen. Stundenlang wird über jede nächste mögliche Katastrophe berichtet. Klar, der Wintersturm im Februar brachte für die Gegenden nördlich von New York etliche Inches an Schnee und der Long Island Expressway war lange gesperrt. Andererseits muss man damit hier im Nordosten der USA schon mal rechnen. Und Wintersturm „Saturn“ vorige Woche war vor allem nervig – dafür gingen aber auch die Temperaturen am Wochenende gleich mal auf angenehme 13 Grad hoch. Kein Grund zur Panik also…

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