Ich hatte den gestrigen Tag bestens verplant: Eine ausstehende Übersetzung beenden, ein 8-Kilometer-Lauf am Hudson River, dann in die neue Claas Oldenburg Ausstellung im MoMA. Ein perfekter Auftakt für mein „Wochenende“.

Als ich auf Facebook den ersten Hinweis auf eine Explosion am Ziel des Boston Marathons sehe, tue ich das als Unglück ab; wegen der großen Medienpräsenz stehen an der Zielgerade eines Marathons immer unzählige Generatoren. Während ich in Richtung Museum unterwegs bin, wird aber bald klar, dass es sich um einen Anschlag handeln muss.

Die Claas Oldenburg Ausstellung ist wirklich sehenswert, aber ich bin halbherzig in den Räumen des MoMA unterwegs – stattdessen suche ich auf der Webseite der New York Times, bei CNN und auf Facebook nach Neuigkeiten. Ich verzichte darauf, länger durch die anderen Räume zu streifen – als Marathon-Läufer trifft einen die Nachricht eines solchen Anschlags noch ein bisschen direkter.

Auf meinem Weg zu Micheles Büro fällt mir auf, dass die Paranoia, die man hier in den USA angesichts potenzieller Anschläge verspürt, langsam auch auf mich übergreift. Sollte ich die U-Bahn zur 23. Straße nehmen oder lieber gehen? Ich laufe – ich habe keine Lust auf Massentransportmittel.

Am Time Square scheint die Polizeipräsenz massiv ausgebaut zu sein (es kann sich aber auch um einen normalen Spätnachmittag handeln; wir umgehen die Gegend normalerweise lieber). Soll ich neugierig schauen, was dort passiert? Ich gucke lieber aus der Ferne.

Amüsant finde ich indes die vielen lokalen Fernsehstationen, die sich an der Penn Station aufgebaut haben. Für einen Moment werde ich zynisch: Erwarten die hier den nächsten Anschlag? Micheles Cousine klärt mich via Facebook auf – hier kommen die Amtrak-Züge aus Boston an. Natürlich.

Abends ärgere ich mich schon wieder über viele amerikanische Medien: Während wir in einem Restaurant essen, zeigt CNN die gleichen Aufnahmen wieder und wieder. Fox News und NY Post (das ist die amerikanische Bild-Zeitung, nur noch schlimmer) spekulieren bereits über einen saudischen Attentäter, obwohl wir auch heute noch nicht schlauer sind.

Ändert sich nun irgendetwas an meinem Laufverhalten? Nein. Ich werde natürlich den New York Marathon im November laufen. Wer auch immer die Täter waren, sie haben zwei Ziele: Das eine ist das unmittelbare, der größtmögliche Schaden. Das zweite ist ein langfristig: Menschen verunsichern. Das darf nicht geschehen. Michele hat allerdings schon erklärt, dass sie im November nicht in der Nähe des Zieleinlaufs auf mich warten möchte – sie hat die Video-Aufnahmen weit früher als ich gesehen.

Heute habe ich einen 15 Kilometer Lauf geplant. Ich würde ihn gerne „irgendwie bedeutungsvoll“ machen. Aber wie? Ich habe keine Ahnung. Meine Gedanken werden aber bei den Opfern dieses Terroranschlags sein.

Mein ehemaliger Volontär Moritz Ballerstädt, mittlerweile freier Onliner ist derzeit in Boston. Er twittert derzeit regelmäßig seine Beobachtungen

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