Die Binghamton in Edgewater

Die Binghamton in Edgewater

Vor einigen Tagen waren Michele und ich in einem türkischen Restaurant in Edgewater essen. Mir war die Gaststätte schon mehrfach beim Laufen entlang des Hudson Rivers aufgefallen – direkt am Ufer hat man einen perfekten Blick auf die River Side Church in New Yorks Upper West Side. Und noch etwas fällt hier auf: die Schiffsruine der Binghamton Fähre.

Die Binghamton liegt halb versunken am westlichen Ufer des Hudson Rivers. Man sieht dem Schiff durchaus noch an, dass es einst geradezu majestätisch gewesen sein muss – ein bisschen fühlt man sich an die Mississippi Dampfer erinnert. Und tatsächlich: Ein wenig Recherche zeigt, dass die Binghamton ein wichtiges Stück New Yorker Geschichte darstellt.

Wer New Yorks East River und Hudson River vergleicht, wird einen wichtigen Unterschied feststellen – während Manhattan und Brooklyn beziehungsweise Queens durch mehrere Brücken verbunden sind, gibt es am Hudson River zwischen Manhattan und New Jersey nur eine einzige überirdische Verbindung – die George Washington Bridge am nördlichen Ende Manhattans, entstanden in den Zwanziger Jahren. Wer mit dem Auto oder mit dem Zug ans andere Flussufer fahren möchte, muss ansonsten einen Tunnel durchqueren.

Weil es Lincoln Tunnel, Holland Tunnel sowie die Bahntunnel zur Penn Station noch nicht allzu lange gibt, hieß das früher, dass Reisende eine Fähre besteigen mussten.

Und eine dieser Fähren zwischen New York und New Jersey war die Binghamton.

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Wer etwa aus Philadelphia oder Washington DC nach New York reisen wollte, musste in Hoboken aussteigen, eine Fähre betreten und dann nach New York weiterfahren. Ein recht umständliches Verfahren, aber dies erklärt, warum die Binghamton beinahe tausende Passagiere sowie Fahrzeuge aufnehmen konnte. Die heute verkehrenden Fähren auf dem Hudson River sind weit kleiner, die Staten Island Ferries hingegen weit größer.

Ab 1811 fuhren die Fähren auf dem Hudson River. Vor gut hundert Jahren waren dann 150 Fähren zwischen New York und New Jersey im Einsatz. Ab 1907 nahm die Bedeutung allerdings ab. Zunächst wurde die Penn Station in New York gebaut und mittels eines Tunnels mit dem Festland verbunden, zudem folgte im gleichen Jahr der heutige PATH-Train. Später wurden Holland- und Lincoln Tunnel sowie die George Washington Bridge gebaut. Das Umsteigen auf Fähren wurde zu umständlich.

Die Binghamton war dennoch von 1905 bis 1967 im Einsatz, als die Erie-Lackawanna Railroad Gesellschaft bankrott ging und den Fährbetrieb einstellte. Erst ab 1986 gab es mit New York Waterway einen neuen Fährbetrieb. Die Binghamton wurde wie alle anderen Fährschiffe verkauft und über mehrere Jahrzehnte hinweg als Restaurant genutzt.

Heute ist die Fähre – womöglich das letzte überlebende der historischen Schiffe – in einem elendigen Zustand und halb im Wasser versunken. NorthJersey.com berichtete im August 2012, dass das Schiff verschrottet und durch ein neues Restaurant-Boot ersetzt werden könnte. Geschehen ist aber noch nichts. Als Hurrikan Sandy hier tobte, befürchtete man, das Schiff könnte komplett untergehen. Dass die Binghamton gerettet werden könnte, darf man bezweifeln: Der jetzige Eigentümer hatte 2 Millionen US-Dollar für das Schiff bezahlt und noch einmal 800.000 Dollar in die Sanierung investiert – zu sehen ist davon nichts. Mehr Geld wird er kaum in das Boot stecken.

Und so könnte ein faszinierendes Stück New Yorker Geschichte bald verschwinden…

Ausflugstipps:

  • Ein Besuch der Binghamton lohnt sich nur für Hardcore-Bootsfans. Diese sollten entweder die Fähre nach Edgewater nehmen und dann entlang des Hudson-Ufers in Richtung Süden laufen oder aber einen River Road Bus nehmen und am „Trader Joe’s“ aussteigen. Der Spaziergang ist schön, aber das Boot lässt sich nicht besichtigen.
  • Sehr schön ist der Lackawanna Bahnhof in Hoboken (einer Stadt mit deutschen Wurzeln). Dazu einfach den PATH Train nach Hoboken nehmen. Von hier lohnt sich ein Abstecher zum Liberty State Park (mit dem Light Train), von dem aus die Fähre zur Freiheitsstatue abfährt. Dort sieht man auch den alten Terminal, von dem aus die neuen Einwanderer in den USA in alle Himmelsrichtungen weiterfuhren.
  • Von der George Washington Bridge aus hat man einen imposanten Blick über New York. Einfach mit dem A Train in den Norden Manhattans fahren und an der 181. Straße aussteigen. Dort der Ausschilderung folgen. Die Brücke ist tagsüber für Fußgänger (also auch Läufer) und Radfahrer geöffnet.
  • Wer New York vom Wasser aus kennenlernen will, hat etliche Optionen: New York Waterway betreibt Fähren sowohl auf dem Hudson als auch den East River. Zudem gibt es New York Watertaxi und mehrere Ausflugsanbieter. Die Bootstouren lohnen sich bei schönem Wetter allemal!

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