Thanksgiving ist das Fest, das alle Amerikaner eint.

Thanksgiving ist das Fest, das alle Amerikaner eint.

Als Michele und ich vor sechs Jahren ein Paar wurden, hatte ich noch keine Ahnung, was Thanksgiving und Black Friday wirklich bedeuteten. Klar – ich kannte diverse Filme zum wichtigsten Fest der Amerikaner, wusste als schon, wie wichtig Thanksgiving ist. Aber ich hätte nicht einmal ungefähr sagen können, auf welchen Tag das Fest fällt.

Als ich Michele also sagte, dass ich Ende November wieder nach New York kommen könne, war mir nicht bewusst, dass ich genau die Thanksgiving Woche ausgesucht hatte – das Fest findet immer am vierten Donnerstag im November statt. Ich würde also gleich ihre ganze Familie kennenlernen. Ihre ganze Familie – das hieß auch Onkel und Tanten, Nichten und Neffen, Schwager und noch einige Personen mehr.

Damals waren Neffen und Nichten noch sehr klein, also hielten wir uns ein wenig an die Traditionen. Die Kinder mussten die Geschichte der „Pilger“ erzählen, die nach Amerika gekommen waren und denen von den Ureinwohnern geholfen wurde, als sie Hunger litten. (Als kritischer Deutscher dachte ich mir dazu: „Und im nächsten Sommer haben die Briten ihre Helfer dann abgeknallt“. Aber das sagte ich natürlich nicht.)

Ansonsten taten wir, was alle Amerikaner an diesem Tag tun – wir aßen zu viel.

Ich hatte als Vegetarier einige Wochen vorher gescherzt, ich möchte doch bitte einen „tofu turkey“ essen – nicht ahnend, dass es den tatsächlich gibt. „Tofurky“ kommt seither jedes Jahr auf den Tisch. Ich esse ungefähr eine halbe Woche daran, weil Michele den vegetarischen Braten nicht mag – zum Glück finde ich ihn sehr lecker. Und es gibt ihn ohnehin nur einmal im Jahr.

Dass Thanksgiving so wichtig ist, wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die USA tatsächlich solch ein Schmelztiegel ist, wie überall zu lesen ist. Juden feiern Chanukka (Hannukah in den englischen Schreibweise), das dieses Jahr gleichzeitig mit Thanksgiving beginnt. Es gibt Kwanzaa, eine einwöchige Feier der afro-amerikanischen Diaspora, die am 26. Dezember beginnt. Und es gibt noch viele weitere Feste.

Bei uns in Deutschland mag Weihnachten auch für Nicht-Christen der wichtigste Grund sein, die Familie zu sehen – in den USA ist es eben das alle Weltvorstellungen übergreifende Thanksgiving.

Wie viel dabei gegessen wird, ist geradezu unglaublich. Irgendwer in unserer Familie glaubt immer, dass wir noch zusätzlich eine vegetarische Lasagne brauchen – die in einigen Jahren nicht einmal angerührt wurde. Es gibt „stuffings“, die alleine schon füllen würden – das sind Brotkrümel und Gemüse gemischt. Und natürlich gibt es Cranberry-Sauce und irgendwann später noch viel zu viel Dessert. Ich platze jetzt schon, wo ich das vor unserem Festessen heute Abend schreibe.

Thanksgiving dürfte für Touristen keine spannende Angelegenheit sein. In New York kann man sich am Vormittag die „Macy’s Thanksgiving Parade“ anschauen – im Prinzip ein großer, kommerzieller Karnevalsumzug. Wir haben uns nie dazu durchringen können, das anzuschauen, zumal Millionen auf der Straße sind. Später aber ist die Stadt relativ ausgestorben. Etliche Restaurants bieten aber Thanksgiving Menüs für Heimgebliebene und Touristen an.

Am Freitag beginnt dann offiziell das Weihnachtsgeschäft mit dem „Black Friday“. Auch das wollte ich bei meinem ersten US-Besuch zu dieser Zeit erleben – also stellten wir uns in die Schlange am Apple Store an der 5th Avenue, um das erste iPhone und einen iPod für einen Freund zu kaufen. Danach entflohen wir den Massen.

Große Kaufhäuser locken an diesem Tag mit riesigen Rabatten, so dass die Menschen wie wild die Läden stürmen. So schlimm war es beim Sommerschlussverkauf in Deutschland nie. Jedes Jahr liest man Geschichten von Menschen, die dabei verletzt werden, während sie irgendwas kaufen, was sie eigentlich nicht brauchen. Ich brauche das nicht.

Was schlimm ist: Immer mehr Geschäfte gehen dazu über, an Thanksgiving zu öffnen. Der Gedanke dahinter: Je früher man geöffnet hat, umso mehr kaufen die Menschen in diesem Laden ein. Studien zeigen allerdings, dass dies oft nur Umsätze verlagert – das heißt, es wird dann eben weniger am Freitag gekauft.

Für die Angestellten bedeutet dies, dass sie ihr Familienfest verlassen müssen, um für ihren mageren Lohn Leute zu bedienen, die ihren Konsumzwang nicht auf den nächsten Tag verschieben können. Touristen in New York kann ich nur bitten, dies nicht mitzumachen. Oder würden Sie am ersten Weihnachtstag arbeiten wollen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Post Navigation